Wir sind eine Beratung für Strategie und Kommunikation aus Berlin. Wir unterstützen Unternehmen beim Aufbau und Schutz ihrer Reputation. Wir lösen Probleme.

Categories

WPP übernimmt Thjnk – oder die Vermessung der Kreativität

WPP übernimmt Thjnk – oder die Vermessung der Kreativität

Was für eine Nachricht! WPP kauft Thjnk. Deutschlands kreativste Werbeagentur geht im weltgrößten Agenturnetzwerk auf. Eine Win-Win-Situation. Thjnk kann jetzt schneller internationaler wachsen und „an einen riesigen Fundus von Know-How und Wissen aller Art anknüpfen“ (Zitat Karen Heumann) und somit seine Kunden noch besser bedienen. Und Sir Martin kann sich eine besonders prächtige Feder an seinen schon reich geschmückten Hut stecken, sofern er Hut trägt.

Aber muss man sich nicht vielleicht doch Sorgen machen um eine Agentur, die gerade durch ihre Unabhängigkeit solch eine beeindruckende Entwicklung genommen hat? Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass die Übernahme durch ein Network nicht unbedingt zum Wohl der ehemals eigenständigen Agentur war. Das Muster ist meist dasselbe. Trotz zugesicherter größtmöglicher Unabhängigkeit und Freiheit hält rasch das Network-Reporting Einzug. Es muss regelmäßig berichtet und Rechenschaft abgelegt werden. IT-Strukturen werden synchronisiert und Shared Services eingerichtet. Langsam aber sicher wird das Schnellboot auf Konzerntanker-Geschwindigkeit eigebremst.

Irgendwann, meistens früher als später, haben die Gründer die Nase voll und gehen von Bord. Dann passiert etwas, das man als Vermessung der Kreativität bezeichnen kann: Wenn die Unternehmer abgetreten sind, übernehmen die Controller und versuchen das, was vorher durch eine gute Mischung aus Bauchgefühl, Mut, Unternehmersinn und Kreativität zum Erfolg geführt hat, zu sezieren und in Formeln und Kennzahlen zu pressen. Und Controller in Networks können eine ganze Menge messen und sauber in Exceltabellen eintragen: Staff Utilisation, Billability, Client Profitabilty, Staff-Cost-to-Fee-Ratio, Operating Profit und was es noch gibt.

Leider funktioniert das in der Regel nicht und führt oft zum Gegenteil. Der Spielraum für die Agenturmanager wird immer kleiner und der Fokus immer enger und kurzfristiger. Statt langfristig zu planen, wird von Monat zu Monat die Braut geschmückt, um ambitionierte Umsatzziele zu erreichen. Natürlich müssen auch inhabergeführte Agenturen wirtschaftlich denken und planen, aber sie können langfristiger und mutiger agieren. Gerade Investitionen in neue Geschäftsfelder brauchen Mut und Risikobereitschaft. In Network-Strukturen dagegen gilt: Erst muss das Geschäft da sein, dann wird investiert. Und die neuen Möglichkeiten durch Partner im Netzwerk sind oftmals keine, da die finanziellen Anreize immer noch zu gering sind, um Geschäft mit anderen zu teilen.

Das Ende vom Lied: Nach den Gründern gehen die Top-Leute. Zu einer anderen (inhabergeführten) Agentur oder sie gründen gleich etwas Eigenes. Nach einigen Jahren wird dann die akquirierte Agentur mit einer anderen mit ähnlichem Schicksal im gleichen Netzwerk gemergt und der Name verschwindet. Trauriges Beispiel: Pleon.

Wenn also Akquisitionen von kreativen Hotshots mehr sein sollen als eine temporäre Frischzellenkur oder der plumpe Zukauf von Kunden und Umsatz, dann müssen die großen Netzwerke umdenken und Strukturen und Freiräume für Kreativität und Unternehmersinn schaffen.