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Die FDP zwischen Tugend und Not. Eine Beobachtung.

Die FDP zwischen Tugend und Not. Eine Beobachtung.

Die FDP hat im Wahlkampf mit Erfolg aus der Not eine Tugend gemacht. Mit ihrer 100-prozentigen Fokussierung auf den Spitzenkandidaten kaschierte sie personelle Schwächen und reüssierte am Wahlabend.

Der dynamische Chef der Liberalen war in den Wochen vor der Wahl omnipräsent: Christian Lindner vor dem Spiegel beim Krawatte richten, Christian Lindner im weißen T-Shirt auf der Couch, Christian Lindner beim Mails checken. Christian Lindner per Podcast aus dem Fonds einer Limousine. Christian Lindner nachdenklich-melancholisch. Christian Lindner kämpferisch im Landtag und im Hörsaal. Christian Lindner amüsiert auf seine Schuhe blickend. Christian Lindner den Mantel im schnellen Schritt über das Sakko streifend. Christina Lindner und so weiter und so weiter.

Dieser Personenkult mit Plakaten in kühler Hugo-Boss-Optik hat im Wahlkampf funktioniert. Den Ausschlag gab aber sicherlich der Social Media-Wahlkampf. Lindner war v.a. deswegen so erfolgreich, weil die sozialen Medien die perfekten Plattformen für selbstverliebte, selbstoptimierte und extrem mitteilsame Persönlichkeiten bieten. Lindner musste sich nicht verbiegen, um seine junge Zielgruppe ansprechen. Er hat sich darin wohlgefühlt wie ein Fisch im Wasser. Lindner hätte seine Kampagne auch „the political kid of instagram“ nennen können.

Im Wahlkampf ist es wichtig, die Anhänger und Sympathisanten durch Emotionen und Zuspitzung zu mobilisieren – auch das ist Lindner gelungen. Nach der Wahl sind jedoch andere Qualitäten wichtig. In Koalitionsverhandlungen geht es um Moderation und Ausgleich und man braucht ein breites Fundament an Leuten, die sich damit auskennen.

Aus der Not eine Tugend machen, heißt nicht, dass damit die Not weg ist.

Inzwischen dreht die Stimmung. Mangels personellen Alternativen und der großen Dominanz des Parteichefs lässt sich auch nach dem Ende des Wahlkampfs kaum noch sagen, wo die Partei aufhört und Lindner anfängt – und umgekehrt. In der öffentlichen Wahrnehmung ist er die Partei. Und die Partei ist der Parteiführer. Da es im Grunde niemand gibt, der außer Lindner für Partei sprechen kann, aber einen anderen Spinn reinbringt, ist es für den Bürger alles eins. Wolfgang Kubicki ist die einzige Ausnahme, aber kaum präsent.

Als dann die FDP die Sondierung beendete, wurde dies weder von den Medien noch der Öffentlichkeit als gemeinsame Entscheidung der Partei akzeptiert – sofern es eine solche war. Im Gegenteil wurde unterstellt: Dem Lindner ist sein Ego durchgegangen. Deshalb gilt er nun vielen als egoistischer Landesverräter, der nur seine persönlichen Ambitionen im Blick hat.

Die Tatsache, dass sich die FDP schon vor dem Ende der Sondierungsgespräche drei mögliche Tweet-Motive zurechtgelegt hat, wird der Partei als berechnend und unehrlich ausgelegt. Das ist natürlich Unfug und unfair. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Sondierer nicht zusammenfinden würden, war von Anfang an sehr hoch. Sich auf ein Scheitern frühzeitig auch kommunikativ einzustellen, war geboten und rational. Aber aufgrund des beschriebenen Agierens im Wahlkampf wurde der Partei und ihrem Chef nun Abgekochtheit und Unaufrichtigkeit unterstellt. Die Kampagne überdeckt inzwischen immer mehr die Ziele. Dadurch büßt die Partei Glaubwürdigkeit ein und konnte v.a. von den Grünen geschickt ausmanövriert werden.

Vielleicht liegt es daran, dass der Mehrheit der Deutschen das zu glatte und zu smarte im Grunde suspekt ist. Dem Deutschen ist die Dreiviertel-Outdoorhose näher als das taillierte Boss-Hemd. Wolfgangsee statt Côte d’Azur. Clever darf man schon sein, aber man muss es verbergen. Merkel hat das zur Kunstform erhoben.

Lindner hingegen ist dafür (noch) zu eitel und positioniert sich lieber als Intellektueller und Erklärer von großen Zusammenhängen. Als Helmut Schmidt der Generation IPhone. Er mag komplexe Themen, positioniert sich als Wirtschafts- und Finanzexperte. Aber damit kann man, wenn der Wahlkampf vorbei und die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne verflacht ist, auf Dauer an der Bevölkerung vorbei senden. Wenn die Antipoden CSU und Grüne um das Schicksalsthema Integration ringen, wirkt die FDP mit EEG und Soli schnell wie der Professor eines Orchideenfachs. Dass gerade daran diese patriotische Großtat scheitern soll, möchte keiner glauben. Das mag auch daran liegen, dass wir die Vorstellung eines linearen Parteienspektrums verinnerlicht haben. Die FDP liegt hier, nach eigenem Bekunden, in der Mitte. Wenn sich dann eine ziemlich rechte und eine eher linke Partei einig wird, ist es schwer zu erklären, warum gerade eine Partei nicht mitzieht, die von beiden Extremen gleich weit entfernt ist. In Wirklichkeit ist es eher ein Dreieck und keine Linie, aber das ist schon wieder zu kompliziert.

Für seine Standfestigkeit wird Lindner von seinen Fans gefeiert, aber bei vielen Bürgern bleibt ein fader Nachgeschmack und die Frage, was von ihm und seiner Partei zu halten ist.