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Content-Inkontinenz. Oder: Wie relevant ist eigentlich der Kommunikationskongress? Eine Polemik.

Content-Inkontinenz. Oder: Wie relevant ist eigentlich der Kommunikationskongress? Eine Polemik.

RE-LE-VANZ. Das neue Buzz Word ist gerade dabei, den Begriff „Content“ links zu überholen und darf in keinem gut sortierten Bullshit-Bingo fehlen. Relevanz ist die Messgröße in der Kommunikation und wird geradezu inflationär gebraucht. Ist meine Marke für den Konsumenten noch relevant? Haben wir wirklich die relevanten Influencer an der Hand, für die wir so viel Geld ausgeben? Sind unsere Inhalte für unsere Leser überhaupt relevant? Der Begriff ist so dermaßen relevant, dass sogar PR-Agenturen danach benannt sind.

Aber woher kommt der Relevanz-Hype? Wahrscheinlich steht er in direkter Verbindung mit dem Content-Hype. Heute kann jeder, wirklich jeder, seinen eigenen Content produzieren und distribuieren. Die einen fotografieren ihren Döner und sind plötzlich Food-Blogger, andere drehen ein Video über ihren Einkauf bei H&M und sind Fashion-Influencer. Viele Unternehmen errichten gerade Content-Fabriken und News Rooms und spielen Zeitung. Und alle senden munter an den klassischen Medien vorbei. Am Ende führt dies zu einem Overload – zu Content-Inkontinenz. Der Rezipient, Kunde, Konsument, Gast reibt sich die Augen und fragt sich: Was davon muss ich lesen, sehen, wahrnehmen?! Was davon ist für mich relevant? Content frisst Relevanz.

Das Phänomen ist bekannt und so akut, dass auch die Macher des Kommunikationskongresses die diesjährige Veranstaltung unter das Motto „Relevanz“ gestellt – und zugleich unterstellt – haben: „Der Kommunikationskongress ist relevant“.

Die Frage der Relevanz des KK stellt sich nicht nur mir jedes Jahr aufs Neue. Ohne Frage: Irgendwie hat die Branche nix Besseres und man trifft nirgends so viele Kollegen und (potentielle) Geschäftspartner auf einmal. Aber ist der Kongress deshalb inhaltlich relevant?

Content frisst Relevanz

Auch hier frisst die Content-Fülle die Relevanz. Das liegt sicherlich am – legitimen – Geschäftssinn des Ausrichters. Jeder der schon einmal eine Pressemeldung unfallfrei versendet hat, einen Influencer gebucht, mit einem Stakeholder in den Dialog getreten ist, oder auf Facebook etwas gepostet hat – und sich berufen fühlt darüber öffentlich zu sprechen – kann sich im Rahmen eines kostenpflichtigen Best Case zu Wort melden und Insights sharen. Aber ist das relevant? Viel Spreu, wenig Weizen.

Dann gibt es da noch die Key-Notes. Die sind in der Regel recht hochkarätig besetzt, inspirierend und manchmal sogar wirklich relevant für das eigene Tun. Wie in diesem Jahr die Rede von EnBW-Chef Mastiaux oder der Comedy-Live-Act von Digital-Guru Hammersley. Nicht so sehr die Kaffeefahrt eines Klamotte-Startups. Aber zumindest gab’s einen Gutschein-Code.

Eigenartigerweise kommt der relevante Input selten von Vertretern der eigenen Zunft, sondern von angrenzenden Disziplinen. Das ist ein bisschen so, wie wenn auf dem jährlichen Astrologen-Kongress die visionären Impulse immer von einem Astrophysiker beigesteuert werden. Was sagt das über das Selbstverständnis unserer Branche?

Selbstvergewisserung

Warum kommen aber trotzdem jedes Jahr über tausend Teilnehmer zum Kommunikationskongress? Weil dieser eine – doppelte – Selbstvergewisserung leistet. Zum einen ist es Balsam auf die geschundenen Kommunikatorenseelen, die zuhause in ihren Unternehmen noch zu oft ignoriert und immer erst hinzugerufen werden, wenn der Karren schon an die Wand gefahren ist. Hier können diese mit Menschen sprechen, die dieses Schicksal teilen. Und sie können sich gegenseitig versichern, dass ohne Kommunikation eigentlich gar nichts läuft, dass Kommunikation im Grunde den Laden steuert und der CEO ohne sie völlig aufgeschmissen wäre. So was in der Art. Dann nickt man sich zu und schlurft wieder zum Kuchenbuffet.

Zum anderen sieht man vor allem in den Best Cases, dass die Kollegen auch nur mit Wasser kochen. „Ach, der Kasupke von diesem Dax-Konzern macht das auch nicht anders als ich.“ Dann kann das ja nicht ganz falsch sein, was man selbst so treibt.

Was heißt das für den Kommunikationskongress? Ich würde sagen, weniger Panels, weniger Selbstbeweihräucherung, weiniger Produktpräsentationen, aber dafür mehr Qualität und Niveau. Ein Tag sollte dafür reichen, denn in der Regel zeigt das Relevanz-O-Meter am zweiten Tag steil nach unten. Dann ist der Kongress vielleicht wirklich (wieder) relevant und bietet einen echten inhaltlichen Mehrwert. Einen Bedarf gibt es auf jeden Fall.